Bünting Teemuseum
Bünting Teemuseum
Losstarten und Tee trinken

Auf zur ostfriesischen Teezeremonie

Winter. Das ist für viele die Jahreszeit des knisternden Kaminfeuers, Hauptsaison für kuschelige Fernsehabende und kontemplatives Nichtstun. Und vor allem: die perfekte Zeit, das alte Teeservice abzustauben und sich eine schöne Tasse frisch aufgebrühten Tee zu Gemüte zu führen. Doch wo gibt es ihn eigentlich, den besten Tee des Landes? Wie zelebriert man eine „klassische Teezeremonie“? Und was hat das alles mit Ostfriesland zu tun? In meinem Artikel verrate ich es euch.


Auf nach Ostfriesland: Heimat des traditionellen Teegenusses

Auf der Suche nach dem einzig wahren Teegenuss führt natürlich kein Weg an Ostfriesland vorbei. Über 300 Liter Tee trinken die Einwohner*innen der Region im äußersten Nordwesten Deutschlands etwa jährlich pro Kopf. Das ist zehnmal mehr, als der bundesdeutsche Durchschnittsbürger zu sich nimmt. Damit halten Ostfries*innen den Guiness-Weltrekord im Teetrinken. Genauer gesagt: Im Tee zelebrieren. Denn für die sympathischen Nordlichter geht es bei der Teezubereitung um mehr als das einfache Aufbrühen von Blättern. Die „Teetied“ sorgt vielmehr für Struktur, bietet eine willkommene Auszeit und wird klassischerweise morgens, mittags, nachmittags und abends getrunken. Also eigentlich immer irgendwie. Im Bünting Teemuseum erfahre ich alles, was ich über Ostfriesentee wissen möchte, und komme sogar in den Genuss einer echt ostfriesischen Teezeremonie.

Bünting Teemuseum Leer: Wo Teekultur erlebbar wird

Seit 2016 ist die Teekultur Ostfrieslands ein von der UNESCO anerkanntes immaterielles Kulturerbe – und bereits seit 2001 macht das Bünting Teemuseum diese Kultur erlebbar. Bei meinem Rundgang durch das historische Gebäude inmitten der Altstadt Leers erfahre ich jede Menge Hintergründe über die Geschichte des Ostfriesentees sowie des ältesten privaten Teehandelshauses Ostfrieslands und werde bei einer guten Tasse Tee in die hiesigen Gepflogenheiten der ostfriesischen Teezeremonie eingewiesen.

Bünting Teemuseum
© Bünting Teemuseum

Bisschen abhängen im Bünting Teemuseum und Druck vom Kessel nehmen

Tee aus Übersee: Anfang einer großen Liebesgeschichte

Seit Hunderten von Jahren ist Tee fester Bestandteil der ostfriesischen Identität. Anfang des 17. Jahrhunderts erstmals durch niederländische Handelsschiffe nach Europa gebracht, waren die koffeinhaltigen Blätter zunächst vor allem den gehobenen Schichten der Bevölkerung vorbehalten. Dies änderte sich erst im späten 18. Jahrhundert, als der Tee mehr und mehr zum Exportschlager avancierte. Dass der Tee sich ausgerechnet in Ostfriesland einer derartigen Beliebtheit erfreute, lässt sich unter anderem auf die regionale Wasserqualität sowie die örtlichen Gegebenheiten an der Küste zurückführen. Tee passte einfach perfekt ins Leben der Ostfries*innen und bot ihnen eine willkommene Auszeit vom doch recht harten Arbeitsalltag. Und gemütlich ist es bei so einem Tässchen Tee ohnehin immer.

Ostfriesentee: Eine ganz spezielle Mischung

Der charakteristische Ostfriesentee ist eine einzigartige Mischung aus verschiedenen Schwarzteesorten, hauptsächlich dem Assam-Tee sowie Ceylon-, Java- und Sorten aus ostafrikanischen Ländern, die in Ostfriesland unter bestimmten Regeln zusammengestellt wird. Ein echter Ostfriesentee kann aus bis zu 20 unterschiedlichen Teesorten bestehen und besticht durch seinen kräftigen, herben Geschmack. Im Bünting Teemuseum gibt es je nach Jahreszeit rund 40 bis 50 verschiedene Teesorten zu kaufen. Darunter den eigens für das Museum komponierten Museums-Tee, der – wie mir gesagt wurde – vergleichsweise milde schmeckt und nach dem Besuch verkostet werden kann.

Die Vorbereitung: Was ihr zur Teezeremonie benötigt
Kochendes Wasser in eine Tasse mit Teebeutel geben und warten – das tun wirklich nur die absoluten Anfänger*innen. In Ostfriesland benötigt eine gute Tasse Tee vor allem eines: jede Menge Zeit. Und die sollte man sich auch nehmen. Schließlich geht es darum, den Alltag zu entschleunigen und den Tee voll und ganz zu genießen. Dabei ist das Wichtigste neben dem Zeitfaktor – und natürlich dem originalen Ostfriesentee – vor allem das richtige Equipment. Da gibt es zum einen die sogenannte ostfriesische Rose, eine dickbauchige, typischerweise weiß gehaltene Porzellankanne mit ausladenden Blumenmustern. Dazu benötigt man den passenden Rohmlepel (Rahmlöffel), kleine Koppkes (Tassen) aus dünnem Porzellan inklusive passenden Löffeln, eine Kluntjezang für den weißen Kandiszucker, ein Stövchen für die Kanne sowie ein wenig Sahne. Alles zur Hand? Dann kann es losgehen!

© Bünting Teemuseum

Riesige Auswahl im Museumsshop: „Einmal Tee, bitte“ reicht hier nicht bei der Bestellung

Die Zeremonie: Schritt für Schritt zum Genuss

1.         Zunächst wird der lose Ostfriesentee in eine heiß ausgespülte Teekanne gegeben, die dann bis zu einem Drittel mit kochend heißem Wasser aufgefüllt wird. Der Tee muss nun erst einmal drei bis vier Minuten ziehen. Erst dann wird die Kanne mit dem restlichen Wasser befüllt. Die besondere Mischung des Ostfriesentees sorgt dafür, dass der Tee bei diesem Vorgang nicht zu bitter gerät.

2.         Mit der Kluntjezang werden nun die weiße Kandisbrocken aus dem Kluntjepott gefischt und in die einzelnen Tassen gelegt.

3.         Im nächsten Schritt wird der vorbereitete Tee über den Kluntje gegossen. Idealerweise schaut dabei noch ein Eckchen vom Kluntje aus dem Tee heraus. Sobald der Kandiszucker ein deutlich vernehmbares Knacken von sich gibt, hat der Tee die ideale Trinktemperatur erreicht. Da der Tee bewusst nicht umgerührt wird, schmeckt dieser anfangs oft noch etwas dünn.

4.         Nun passiert etwas Ungewöhnliches: Mit dem Rahmlöffel wird ein Schuss Sahne an den Rand der Tasse gegeben. Diese sinkt erst in den Tee ein, um kurz darauf als kleine Sahnewolke („Wulkje“) wieder aufzusteigen.

5.         Der Tee wird unter keinen Umständen umgerührt. An dieser Stelle steht der reine, unverfälschte Genuss von cremiger Sahne, herbem Tee und schließlich dem süßen Kandis im Vordergrund.

Übrigens: In Ostfriesland gilt das Sprichwort „Dree is Oostfresen Recht“. Wer zu Besuch auf einen Tee kommt, sollte also mindestens drei Tassen Tee trinken – was angesichts der doch recht überschaubaren Größe der Koppkes jedoch kein Problem sein sollte.

© Bünting Teemuseum

Porzellan hinter Glas: über mangelndes Equipment konnte ich mich wirklich nicht beklagen

Mein Fazit: Voller Eindrücke zurück aus Leer

Mitgenommen habe ich natürlich vor allem eines: jede Menge leckeren Tee. Den kann man nämlich im Museumsshop in gemütlichem Teestubenambiente shoppen. Und: Ich habe gelernt, dass die wichtigste Zutat für einen guten Tee die Zeit ist. Auch wenn ich mir jetzt keine Ostfriesenrose zulege und mich nicht regelmäßig in dickliche Sahnewölkchen verliere, so will ich mir in Zukunft doch hin und wieder bewusst die Zeit nehmen, meinen Tee auch wirklich zu genießen, entschuldigt: zu zelebrieren.

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