Frontalaufnahme des Zollhaus Leer an einem sonnigen Tag. Das große Backsteingebäude steht mittig im Bild, davor ein weiter Platz mit Pflaster und Sitzgelegenheiten. Rechts und links rahmen grüne Bäume die Szene, im Hintergrund sind parkende Autos zu sehen. Zwei Personen sitzen entspannt auf einer Bank im Vordergrund, während die Fassade des Zollhauses klar und warm im Tageslicht wirkt.
Zollhaus
Kultur statt Couch

Zur Trommlermafia ins Zollhaus Leer

Letztes Wochenende war ich mal wieder bei Marleen in Ostfriesland. Diesmal wollte sie raus aus Emden. Und so ging’s nach Leer. Das Wetter in Leer war allerdings genauso wie in Emden: trocken, aber windig. Und bitterkalt. Für Spaziergänge eher ungeeignet. Die Suchanfragen „Kino Leer“ und „Restaurant Leer“ brachten auch nicht das gewünschte Ergebnis. Thomas hatte mir noch das Teemuseum Leer empfohlen. Aber der nennt sein Bier ja auch Hopfenkaltschale. Marleen kam schließlich die rettende Idee: Zollhaus Leer. Klang in meinen Ohren jetzt nicht besonders spannend. Zoll? Haus? Leer? Marleen sagte, das kann was. Nun denn.


Vor dem Fun die Facts: Was ist das Zollhaus Leer eigentlich?

Mit Formularen und Zollstempeln hat das Zollhaus Leer heutzutage nicht mehr viel zu tun. Das weiß ich mittlerweile natürlich. Zwar wurde das lange Backsteingebäude in den 1870er-Jahren als Lager für Waren aus aller Welt gebaut, inzwischen wird hier aber vor allem eins bewegt: Kultur. Und das seit nun mehr fast 30 Jahren. Zu verdanken ist das unter anderem dem Zollhausverein, der das vierstöckige Haus regelmäßig mit Konzerten, Theater, Lesungen und Diskussionen füllt.

Schräg von vorn fotografiertes Backsteingebäude des Zollhaus Leer im Winter. Vor dem Haupteingang führt eine Treppe zu einer überdachten Rampe, darüber hängt ein großes Veranstaltungsbanner an der Fassade. Auf dem Boden liegt Schnee, die Bäume sind kahl und der Himmel ist grau – die Szene wirkt kalt und ruhig.
Zollhaus

Nichts mit Stempeln und Formularen: Das Zollhaus Leer ist heute Treffpunkt für Freund*innen von Kunst und Kultur.

Dass das Programm vom Zollhaus Leer dabei weit über die Region hinaus wahrgenommen wird, zeigt nicht zuletzt der APPLAUS-Award, mit dem das Zollhaus 2024 in der Kategorie „Beste kleine Spielstätten und Konzertreihen“ ausgezeichnet wurde.

Trommelwirbel: Die Trommlermafia haut auf die Pauke

Für uns ging es an diesem Abend ins Theater an der Blinke, eine der Spielstätten des Zollhauses. Wir haben uns einfach mal Karten für die Schlagzeugmafia und ihr Programm „Backstreet Noise“ gekauft. Laut Internetseite eine „getrommelte Gangster-Satire voller Überraschungen“. Nun denn. Gs up! Einlass war um 19 Uhr, Beginn um 20 Uhr. Ich hatte vorab Bilder von der Blue Man Group mit Revolver als Drumstick im Kopf und entsprechend hohe Erwartungen.

Die wurden ziemlich schnell enttäuscht. Zumindest was die Farbigkeit anging. Und die Revolver. Die Truppe war – im Gegensatz zu meinem Sitznachbarn übrigens – nicht blau. Bunt war die Show trotzdem. „Backstreet Noise“ müsst ihr euch wie eine Mischung aus Drumshow, Gangster-Parodie und Slapstick vorstellen, wobei vor allem das Timing wichtig ist. Fünf Schlagzeuger spielen sich durch eine durchgehende Geschichte, in der es um Macht, Chaos, Egos und natürlich Rhythmus geht. Alles ist choreografiert, nichts wirkt zufällig. Mal laut, mal leise, mal absurd, mal überraschend präzise. Trommeln werden zu Requisiten, Bewegungen zu Pointen. Man merkt, dass hier Musiker stehen, die nicht nur technisch extrem stark sind, sondern auch genau wissen, wie man ein Publikum mitnimmt. Stark!

Banner Bande: Nachhaltigkeit zum Mitnehmen

Nach der Show sind wir noch im Foyer geblieben und bei der Banner Bande gelandet. Das ist ein ehrenamtliches Upcycling-Projekt aus dem Umfeld des Zollhauses. Alte Werbebanner von vergangenen Veranstaltungen werden hier nicht entsorgt, sondern zu Taschen weiterverarbeitet. Jede Tasche ist somit ein Unikat und trägt sichtbare Spuren ihres früheren Lebens – Logos, Schriftzüge, Farbflächen.

Splitscreen-Bild mit zwei Szenen aus dem Zollhaus Leer. Auf der linken Seite arbeiten mehrere Menschen mit großen Stoff- und Bannerbahnen in einem hellen Innenraum. Die gebrauchten Werbebanner werden angehoben, bewegt und sortiert – eine Szene aus dem Upcycling-Projekt „Banner Bande“, bei dem alte Veranstaltungsbanner zu Taschen weiterverarbeitet werden. Auf der rechten Seite ist ein Konzert zu sehen: Die Hardcore-Band Sick of It All steht auf der Bühne vor dicht gedrängtem Publikum, viele Besucher haben die Arme erhoben. Warmes Bühnenlicht und die Nähe zwischen Band und Publikum zeigen die energiegeladene Live-Atmosphäre eines Konzerts im Zollhaus.
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So oder so ein Highlight: links das Upcycling-Projekt „Bannerbande“, rechts die Hardcore-Band „Sick of it all“.

Hinter dem Projekt steckt nicht nur der Nachhaltigkeitsgedanke, sondern auch viel Handarbeit. Rund 10 bis 15 Ehrenamtliche nähen die Taschen und sorgen dafür, dass aus Müll etwas Sinnvolles wird. Der Erlös fließt direkt zurück ins Zollhaus und unterstützt den Kulturbetrieb. Mindestens 20 Euro soll man für eine Tasche geben. Marleen und ich haben jeweils 30 bezahlt. Schöne Sache, schönes Gefühl, schöne Erinnerung.

Fazit: Bei Zoll sind wir im Haus!

Der Abend im Zollhaus Leer hat gezeigt, wie gut Kultur funktionieren kann, wenn sie ernst genommen wird. Ein historisches Gebäude, das nicht im Museum stehen geblieben ist, sondern lebt. Ein starkes Programm, engagierte Menschen und ein Publikum, das auch wirklich Bock hat.

Bock hätte ich auch auf die kommenden Veranstaltungen im Zollhaus Leer: auf Komplettallesabreißen mit Napalm Death & Co am 20.2., auf Fetten Rap mit König Boris am 2.4., auf eine ordentliche Portion Alltagszynismus mit Heinz Strunk am 8.4. und natürlich auf Angelo Kelly (!!!) am 22.2. Das ich mir dabei die passende Bannertasche mitnehme, versteht sich von selbst.

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